Ego State Therapie und Somatic Ego State Therapie

Arbeit mit inneren Anteilen und Hypnose

Die Ego-State-Therapie wurde von John G. Watkins und Helen Watkins entwickelt. Sie geht davon aus, dass unsere Persönlichkeit aus unterschiedlichen Ich-Zuständen oder inneren Anteilen besteht.

Dass wir unterschiedliche Seiten haben, kennen wir alle.

Ein Teil von uns möchte etwas verändern, ein anderer hat Angst davor. Ein Teil möchte endlich Nein sagen, während ein anderer unbedingt vermeiden möchte, jemanden zu enttäuschen. Wir können erwachsen, selbstbewusst und erfolgreich sein – und uns in einer bestimmten Situation plötzlich klein, hilflos oder verletzt fühlen.

Diese unterschiedlichen Seiten gehören alle zu uns.

Aber kein einzelner Teil ist unser ganzes Ich.

Wie entstehen innere Anteile?

Viele unserer inneren Reaktionsweisen entstehen durch Erfahrungen.

Gerade als Kinder müssen wir Wege finden, mit den Bedingungen zurechtzukommen, in denen wir aufwachsen. Ein Kind kann seine Familie nicht einfach verlassen. Es ist abhängig von seinen Bezugspersonen und muss sich deshalb an die Verhältnisse anpassen, die es vorfindet.

Ein Kind lernt vielleicht, sehr genau auf die Stimmung anderer zu achten. Es versucht, alles richtig zu machen. Es wird besonders angepasst oder leistungsorientiert. Es übernimmt früh Verantwortung. Es unterdrückt Wut und Traurigkeit, zieht sich zurück oder versucht, möglichst wenig zu brauchen.

Andere Seiten tragen Angst, Hilflosigkeit, Wut, Scham oder das Gefühl, nicht gut genug zu sein.

All diese Reaktionen haben eine Geschichte.

Was später problematisch erscheint, kann einmal eine wichtige Anpassung an die damaligen Lebensumstände gewesen sein.

Ego states

Das sogenannte innere Kind

Das „innere Kind“ ist für mich eine Metapher für frühe Verletzungen und die Gefühle, die mit diesen Erfahrungen verbunden sind.

Diese verletzten Seiten werden häufig lange nicht gesehen.

Manchmal wollen wir sie selbst nicht sehen, weil sie wehtun. Wir schämen uns vielleicht für unsere Angst, unsere Bedürftigkeit oder unsere vermeintliche Schwäche. Wir wollen nicht fühlen, wie allein, hilflos, beschämt oder verletzt wir einmal waren.

Also entwickeln wir Möglichkeiten, diese Gefühle nicht mehr spüren zu müssen.

Wir funktionieren. Wir werden stark. Wir leisten. Wir kontrollieren. Wir kümmern uns um andere. Oder wir ziehen uns zurück.

Der verletzte Teil verschwindet dadurch aber nicht.

Und manchmal übernimmt er plötzlich das Ruder.

Dann reagiert ein erwachsener Mensch mit einer Intensität, die er selbst kaum versteht. Eine Kritik fühlt sich nicht nur wie Kritik an, sondern wie Ablehnung. Ein Konflikt löst die Angst aus, verlassen zu werden. Eine Zurückweisung kann plötzlich tiefe Scham, Wut oder Verzweiflung hervorrufen.

Der erwachsene Mensch sitzt noch im Bus – aber für einen Moment fährt ein anderer Teil.

Eine meiner häufigsten Fragen in solchen Situationen lautet deshalb:

Wie alt ist das, was Sie gerade fühlen?

Ego-State-Therapie und Hypnose

Mit inneren Anteilen arbeite ich immer auch mit Hypnose.

Dabei muss Hypnose nicht bedeuten, dass Sie mit geschlossenen Augen in einer tiefen Trance liegen. Die hypnotische Arbeit kann auch mitten im Gespräch stattfinden.

Ein Gefühl taucht auf, eine körperliche Reaktion verändert sich, eine innere Stimme wird deutlich oder es entsteht ein Bild. Statt nur über einen verletzten, ängstlichen oder kontrollierenden Teil zu sprechen, können wir unmittelbar mit ihm in Kontakt kommen.

Gerade verletzte Teile wurden häufig über viele Jahre nicht gesehen oder bewusst nicht wahrgenommen, weil die damit verbundenen Gefühle schmerzhaft sind. Hypnose ermöglicht mir, mit diesen Teilen und den dazugehörigen Gefühlen unmittelbar zu arbeiten.

Wir arbeiten mit dem, was sich zeigt.

Dabei geht es nicht darum, einen Teil zu beseitigen. Wir nehmen ihn wahr, verstehen, was er erlebt und welche Aufgabe er übernommen hat. Und wir können ihm vermitteln, dass die damalige Situation vorbei ist.

Heute gibt es erwachsene Teile, die Verantwortung übernehmen können.

Der verletzte Teil muss nicht länger aufpassen, kämpfen, kontrollieren oder den Bus fahren. Er darf gesehen werden und seine Verantwortung abgeben.

Die erwachsenen Teile übernehmen die Führung.

Der verletzte Teil hat überlebt

Ziel meiner Arbeit ist es zunächst, diesen verletzten Teil wahrzunehmen und wieder zu erreichen.

Dabei finde ich einen Gedanken besonders wichtig:

Dieser Teil hat das alles überlebt.

Er hat Erfahrungen ausgehalten, für die ein Kind vielleicht keine ausreichende Unterstützung hatte. Und er hat Möglichkeiten gefunden, damit zurechtzukommen.

Heute ist die Situation jedoch eine andere.

Heute gibt es einen erwachsenen Menschen.

Und damit können die erwachsenen Seiten etwas übernehmen, was das Kind damals nicht übernehmen konnte und auch niemals hätte übernehmen sollen:

Verantwortung.

Die erwachsenen Seiten übernehmen das Ruder

Für mich bedeutet die Arbeit mit inneren Anteilen deshalb nicht nur, einen verletzten Teil zu trösten oder ihm Mitgefühl entgegenzubringen.

Es geht auch um Selbstführung.

Die erwachsenen Seiten sind heute für die verletzten Seiten verantwortlich. Und Verantwortung bedeutet manchmal auch Erziehung und Grenzen zu setzen.

Ein ängstlicher Teil darf Angst haben. Aber er muss nicht darüber entscheiden, wohin unser Leben geht.

Ein wütender Teil darf wütend sein. Aber er bestimmt nicht allein, wie wir handeln.

Ein bedürftiger Teil darf Bedürfnisse haben. Aber er muss nicht mehr verzweifelt versuchen, andere Menschen dazu zu bringen, diese Bedürfnisse zu erfüllen.

Die erwachsenen Seiten übernehmen das Ruder.

Der verletzte Teil muss nicht mehr aufpassen. Er muss nicht mehr kontrollieren, kämpfen oder Verantwortung übernehmen.

Er darf in seiner Welt etwas erleben, was ihm vielleicht lange gefehlt hat: gesehen zu werden, ernst genommen zu werden und sich sicher zu fühlen.

Der Teil ist weiterhin da.

Aber er trägt keine Verantwortung mehr.

Er darf einfach sein – und in seiner Welt glücklich werden.

Wenn innere Anteile miteinander in Konflikt geraten

Nicht immer geht es nur um einen verletzten kindlichen Teil.

Innere Konflikte können zwischen sehr unterschiedlichen Seiten entstehen.

Ein Teil möchte sich trennen, ein anderer hat Angst vor dem Alleinsein.

Ein Teil möchte weniger arbeiten, ein anderer glaubt, nur durch Leistung wertvoll zu sein.

Ein Teil möchte endlich Grenzen setzen, während ein anderer sofort Angst bekommt, dadurch einen Menschen zu verlieren.

Ein Teil möchte sich zeigen, ein anderer möchte möglichst unsichtbar bleiben.

Solche Widersprüche sind für mich keine Zeichen dafür, dass mit einem Menschen etwas nicht stimmt.

Verschiedene Seiten versuchen häufig, unterschiedliche Bedürfnisse zu erfüllen oder vor unterschiedlichen Gefahren zu schützen.

Deshalb interessiert mich nicht nur, welcher Anteil gerade Schwierigkeiten macht.

Mich interessiert:

Wozu ist er da? Was versucht er zu verhindern? Was braucht er – und muss er diese Aufgabe heute überhaupt noch übernehmen?

Somatische Ego-State-Therapie

Die Somatische Ego-State-Therapie erweitert die Arbeit mit inneren Anteilen um das körperliche Erleben.

Das ist für meine Arbeit besonders wichtig, weil innere Zustände nicht nur als Gedanken auftreten.

Sie zeigen sich auch im Körper.

Der Brustkorb wird eng. Der Atem verändert sich. Der Körper spannt sich an. Jemand möchte fliehen, erstarrt oder spürt plötzlich kaum noch etwas.

Manchmal reagiert der Körper, bevor wir überhaupt Worte dafür haben.

Deshalb frage ich in meiner Arbeit nicht nur:

Was denken Sie gerade?

Sondern auch:

Was fühlen Sie? Wo spüren Sie es? Was geschieht gerade in Ihrem Körper?

Der Körper kann einen unmittelbaren Zugang zu einem inneren Zustand ermöglichen.

Ego-State-Therapie und Hypnose

Ich verbinde die Arbeit mit inneren Anteilen sehr häufig mit Hypnose.

Hypnose bedeutet dabei nicht zwangsläufig, dass Sie mit geschlossenen Augen in einer tiefen Trance liegen.

Ich arbeite auch hypnotisch im Gespräch.

Ein Gefühl taucht auf. Eine körperliche Reaktion verändert sich. Eine innere Stimme wird plötzlich deutlich. Vielleicht entsteht ein Bild oder eine Erinnerung.

Statt nur über diesen Teil zu sprechen, können wir unmittelbar mit ihm in Kontakt kommen.

Gerade verletzte Seiten eines Menschen sind über das bewusste Denken häufig schwer erreichbar. Das ist verständlich: Oft haben wir viele Jahre damit verbracht, genau diese Gefühle nicht mehr wahrnehmen zu müssen.

Hypnose kann einen anderen Zugang ermöglichen.

Dabei geht es nicht darum, einen Anteil hervorzuholen oder etwas zu erzwingen.

Wir arbeiten mit dem, was sich zeigt.

Ein verletzter Teil wird vielleicht zum ersten Mal wirklich wahrgenommen. Wir können verstehen, was er erlebt hat und welche Aufgabe ein kontrollierender, kritischer oder ängstlicher Teil bisher übernommen hat.

Und dann kann sich die Beziehung zwischen diesen Seiten verändern.

Mehr darüber, wie ich mit Hypnose arbeite und welche Rolle dabei Suggestion, Imagination und innere Bilder spielen, erfahren Sie auf meiner Seite „Wie wirkt Hypnose?“

Innere Anteile müssen nicht verschwinden

Für mich besteht das Ziel der Ego-State-Arbeit nicht darin, unerwünschte Teile zu beseitigen.

Auch ein kritischer, kontrollierender, angepasster oder ängstlicher Teil kann einmal eine wichtige Aufgabe übernommen haben.

Kontrolle konnte Sicherheit schaffen.
Anpassung konnte Zugehörigkeit ermöglichen.
Leistung konnte Anerkennung bringen.
Rückzug konnte vor Verletzung schützen.

Deshalb beginnt Veränderung für mich damit, diese Muster und ihre Funktion zu erkennen.

Danach können Akzeptanz und Würdigung entstehen.

Und dann können wir fragen:

Brauche ich diese Reaktion heute noch?

Der verletzte Teil darf bleiben. Aber er muss nicht mehr unser Leben organisieren.

Der kontrollierende Teil darf bleiben. Aber er muss nicht alles kontrollieren.

Der ängstliche Teil darf bleiben. Aber er muss nicht bestimmen, welche Möglichkeiten wir uns erlauben.

Alles gehört zu mir. Nichts davon ist ganz ich.

Und die Verantwortung für mein heutiges Leben liegt bei meinem erwachsenen Ich.


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